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30Aug.

Das Geheimnis des wahnwitzigen Weitwinkel-Bokehs: Auf Bokehjagd im Salzburger Zwergerlgarten

Der Salzburger Zwergerlgarten ist ein historisches Kuriosum mit einer wechselvollen Geschichte. Erbaut im Auftrag von Graf von Thun und Hohnstein und gestaltet vom berühmten Barockarchitekten Fischer von Erlach, war der Garten für seine Zeit revolutionär: Er stellte das körperlich „Unperfekte“ (in Form von grotesken Zwergenstatuen) auf Augenhöhe mit den Betrachtern dar. Nach einer bewegten Geschichte – im Zuge der Aufklärung als moralisch verwerflich verramscht und im 20. Jahrhundert mühsam zu zwei Dritteln wieder rekonstruiert – stehen heute noch 17 dieser 300 Jahre alten Figuren auf der sogenannten Wasserbastei nahe ihrem Originalplatz.

Beim Umsetzen meiner Bildidee für diese geschichtsträchtigen Figuren stoße ich auf ein fotografisches Dilemma: Der historische Kontext ist wichtig, aber der Hintergrund darf nicht vom Motiv ablenken. Zeigt man die Umgebung knackig scharf, wirkt das Bild unruhig und der Zwerg verliert seine dominante Wirkung im Bild. Ich will also das Unmögliche: Einen weitwinkligen Bildlook, der Umgebung zeigt, gepaart mit einer extremen Hintergrundunschärfe (Bokeh), die die Figur plastisch freistellt.


Das physikalische Dilemma: 16mm vs. 100mm

Zuerst der Versuch mit einem typischen Weitwinkelobjektiv: Ein 16mm bei Offenblende f/2,8. Aus etwa einem Meter Entfernung fotografiert, zeigt das Bild zwar den Zwerg und die Umgebung – doch der Hintergrund bleibt trotz f/2,8 ernüchternd scharf.

Warum ist das so? Physikalisch gesehen wird Schärfe durch die Geometrie von Lichtkegeln definiert, die auf unseren Kamerasensor treffen. Weicht ein Punkt von der exakten Fokusebene ab, schneidet der Sensor den Lichtkegel ab, und es entsteht statt eines Punktes eine Kreisscheibe – der sogenannte Zerstreuungskreis.

  • Ist der Lichtkegel sehr spitz (schlank), wächst der Zerstreuungskreis bei Abweichungen vom Fokus nur sehr langsam. Der Bereich, den wir als scharf wahrnehmen (die Schärfentiefe), ist groß.
  • Ist der Kegel hingegen stumpf (breit), „explodiert“ der Zerstreuungskreis schon bei minimaler Abweichung. Die Schärfentiefe ist extrem gering, und der Hintergrund verschwimmt in weichem Bokeh.

Obwohl wir bei unserem Weitwinkel (16mm) und unserem Tele (100mm) dieselbe Blende von f/2,8 eingestellt haben, sehen ihre „Lichtkegel“ völlig unterschiedlich aus. Der Grund dafür ist die Eintrittspupille (das scheinbare Bild der Blende, wenn man von vorne durch das Objektiv blickt).

Die Größe dieser Eintrittspupille (EP) berechnet sich aus dem Verhältnis von Brennweite zu Blendenzahl:


Durchmesser der Eintrittspupille = Brennweite / Blendenzahl

  • Für das 16mm f/2,8 ergibt sich eine wirksame Öffnung von gerade einmal 5,7 mm.
  • Für das 100mm f/2,8 beträgt die wirksame Öffnung stolze 35,7 mm!

Diese Eintrittspupille bildet die physikalische Basis unseres Lichtkegels. Da das 100mm-Objektiv eine mehr als sechsmal größere Basis besitzt, ist sein Lichtkegel bei gleicher Distanz dramatisch stumpfer. Wenn wir auf das 100er wechseln, wird der Hintergrund aus derselben Position augenblicklich in wunderschöne, riesige Bokeh-Kreise aufgelöst!


Die Rettung: Das Bokeh-Panorama (Die Brenizer-Methode)

Wir haben nun folgendes Problem:

  1. Mit dem 16mm haben wir den gewünschten weiten Bildausschnitt, aber keine Hintergrundunschärfe.
  2. Mit dem 100mm haben wir das traumhafte Bokeh, aber einen viel zu engen Bildausschnitt, bei dem die Umgebung völlig verloren geht.

Hier kommt die Brenizer-Methode (auch bekannt als Bokehrama oder Bokeh-Panorama) ins Spiel, benannt nach dem New Yorker Hochzeitsfotografen Ryan Brenizer.

Die Idee ist genial einfach: Wir nutzen das Teleobjektiv wie einen Mosaik-Scanner.

  1. Wir positionieren uns in etwa einem Meter Entfernung zum Zwerg.
  2. Wir stellen Kamera und Fokus auf manuell ein (damit Belichtung und Schärfe über alle Aufnahmen hinweg absolut konsistent bleiben).
  3. Wir fokussieren präzise auf das Auge des Zwergs.
  4. Nun machen wir nicht nur ein Foto, sondern scannen die gesamte Szene in vielen sich überlappenden Einzelaufnahmen ab (am besten schneckenförmig von der Mitte nach außen).
  5. Am Computer fügen wir diese Einzelbilder mittels einer Stitching-Software nahtlos zusammen.

Das fabelhafte Ergebnis

Das resultierende zusammengesetzte Bild vereint das Beste aus beiden Welten: Es zeigt den weiten Bildwinkel des 16mm-Weitwinkels, besitzt aber die hauchdünne Schärfentiefe und das butterweiche Bokeh des 100mm-Teleobjektivs.

Ein solches Bild mit echtem Weitwinkel aufzunehmen, ist physikalisch unmöglich: Das stitched Bild entspricht der Abbildung eines virtuellen 16mm-Objektivs mit einer Lichtstärke von ca. f/0,6! Ein solches Objektiv existiert in der realen Welt schlichtweg nicht.

Durch diesen physikalischen „Hack“ steht der Zwerg plastisch und scharf im Fokus, während der Hintergrund in einer malerischen Unschärfe verschwindet, ohne das Bild mit unruhigen Details zu überladen.

Du willst sehen, wie das in der Praxis aussieht?

Wenn du den Zwergerlgarten selbst einmal im Video erleben, die genaue Aufnahmetechnik in Aktion sehen und den direkten Vorher-Nachher-Vergleich dieses optischen Phänomens mit eigenen Augen bewundern willst, dann schau dir unbedingt mein Youtube-Video an:

06Juli

Technik vs. Ästhetik: Wenn der Gittermast zur Skulptur wird

In Fotografie, Schau-Plätze by cristanboerghomie / 6. Juli 2026 / No Comments

In unserer modernen Welt begegnen wir ihnen überall, doch meistens blicken wir weg: Strommasten. Für die meisten Menschen sind sie ein notwendiges Übel, Symbole einer „technischen Überfremdung“, welche die gewohnte Schönheit der Landschaft stören. Doch was passiert, wenn wir die Kamera in die Hand nehmen und den Gittermast nicht als Fremdkörper, sondern als Protagonisten betrachten? In diesem Artikel erkunden wir das Paradoxon zwischen technischer Funktionalität und ästhetischer Erkenntnis.

Ästhetik ist mehr als nur „hübsch“

Oft missverstehen wir Ästhetik als die Lehre vom bloßen „Schönen“. Gehen wir jedoch zurück zu den Wurzeln, definierte Alexander Gottlieb Baumgarten die Ästhetik im 18. Jahrhundert als „Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis“ (scientia cognitionis sensitivae). Es geht also nicht darum, ob ein Objekt dem gängigen Naturkitsch entspricht, sondern wie wir die Welt mit unseren Sinnen wahrnehmen, noch bevor der Verstand sie bewertet.

Ein Strommast liefert uns die Energie für unser digitales Leben, doch in einer „ästhetischen Einstellung“ können wir von diesem praktischen Zweck absehen und uns ganz auf seine Erscheinungsweise konzentrieren: die Geometrie der Streben, das Spiel von Licht und Schatten im Stahlgeflecht oder seine präzise Linienführung gegen den Abendhimmel.

Der Stahlriese als Störfaktor

Es ist kein Zufall, dass viele Menschen Strommasten als hässlich empfinden. Empirische Studien, wie die von Werner Nohl, zeigen, dass technische Großstrukturen oft als Verlust von Maßstäben und als Zerstörung der „Heimat“ wahrgenommen werden. Sie missachten den vertikalen Maßstab, der in unserer Kulturlandschaft traditionell durch Bäume oder Kirchtürme gesetzt wurde.

Auch der Philosoph Theodor W. Adorno sah in der technischen Rationalität oft ein Prinzip der Gewalt gegenüber der Natur. Aus dieser Perspektive wirkt der Mast wie ein autoritärer Eingriff, der die „stumme“ Natur übertönt.

Die Rettung durch die „Techno-Ästhetik“

Doch hier bietet uns Gilbert Simondon eine faszinierende Gegenposition an: die Techno-Ästhetik. Simondon argumentiert, dass technische Objekte nicht durch sich selbst hässlich sind, sondern durch unser Unwissen über ihre wahre Natur. Für ihn wird ein technisches Objekt in dem Moment schön, in dem es einem „singulären Ort in der Welt“ begegnet – wenn der Mast auf einem Hügel thront oder die Leitung ein weites Tal überspannt.

In diesem Sinne ist ein Strommast kein Fremdkörper, sondern eine „menschliche Wirklichkeit“, die in funktionierenden Strukturen kristallisiert ist. Er ist eine Landmarke unserer Zivilisation. Fotografisch können wir diesen Moment der Integration festhalten, in dem sich Stahl und Fels, Kabel und Horizont zu einer neuen Einheit verbinden.

Von der Almhütte zur Industriearchäologie

Warum akzeptieren wir eine Almhütte als „ästhetisch“, einen Strommast aber nicht? Beide sind menschengemachte Zweckbauten. Der Unterschied liegt oft nur in der Romantisierung. Das Fotografen-Ehepaar Becher hat mit seiner „fotografischen Industriearchäologie“ bereits vor Jahrzehnten gezeigt, dass Industriebauten eine ähnliche Würde und Gleichrangigkeit wie sakrale Architektur besitzen können.

Wenn wir Strommasten fotografieren, betreiben wir eine Form der „Aisthesis“:

  • Wir suchen die Atmosphäre, die diese Riesen in den Raum ausstrahlen.
  • Wir entdecken die Physiognomie unterschiedlicher Mastformen – vom klassischen Gittermast bis zum modernen Design-Objekt.
  • Wir üben uns im „interesselosen Wohlgefallen“, indem wir den Mast als Skulptur in der Landschaft begreifen.

Fazit: Hinsehen statt Wegschauen

Die Energiewende zwingt uns dazu, unser Bild von Landschaft neu zu verhandeln. Anstatt die neue Infrastruktur nur als notwendiges Übel zu betrachten, können wir lernen, ihre verborgene Ästhetik zu entdecken. Ästhetik ist eine Fertigkeit, die man üben kann. Wenn Sie das nächste Mal an einem Mast vorbeifahren: Schauen Sie nicht weg. Nehmen Sie die Kamera und suchen Sie den Punkt, an dem die Technik zur Kunst wird.

Denn Ästhetik ist letztlich die Freiheit, die Welt mit neuen Augen zu sehen.


17Feb.

LUMEN – Museum of Mountain Photography

In Fotografie, Schau-Plätze by cristanboerghomie / 17. Feber 2026 / No Comments

Das LUMEN Museum der Bergfotografie thront auf 2.275 Metern am Kronplatz-Gipfel in Riscone, Südtirol, und ist ein absolutes Muss für alle Berg- und Fotofans. Es hat im Dezember 2018 in einer aufgemotzten alten Seilbahnstation eröffnet und bietet über 1.800 Quadratmeter Ausstellungsfläche mit Hammer-Blick auf die Dolomiten.

So ist es entstanden
Das Ganze ist eine Co-Produktion von Kronplatz Holding, dem TAP-Verein, Red Bull Illume, Alinari und National Geographic – coole Combo! Die Station von 1963 wurde zwei Jahre lang umgebaut, jetzt gibt’s da oben nicht nur Kunst, sondern auch einen Konferenzraum und ein Top-Restaurant vom Sternekoch Norbert Niederkofler. Es mischt alte Bergfotografie mit moderner Tech und zeigt, wie sich das alles entwickelt hat.

Die coolsten Highlights
Auf vier Etagen wartet alles Mögliche: historische Kameras, Pionierfotografen, interaktive Räume wie den Spiegelsaal oder den Adrenalin-Bereich mit VR-Brille. Es gibt eine Wall of Fame, eine Wunderkammer und bleibende Shows zu Reinhold Messner plus wechselnde Exponate zu den Dolomiten als UNESCO-Weltkulturerbe. Themen wie Klettern, Tourismus oder Politik kommen durch mega Bilder und Multimedia richtig rüber.

Praktische Infos für den Trip
Super easy hinzukommen: Mit der Plan de Corones 2000 Gondel von Riscone hoch (Adresse: Kronplatz 11, 39031 Riscone BZ), Parkplatz inklusive, und oft gibt’s Kombitickets. Voll barrierefrei mit Aufzug, kinderfreundlich. Ruf einfach an: +39 0474 431090 oder mail an info@lumenmuseum.it. Winters perfekt beim Skifahren, summers top zum Wandern mit Panoramablick.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – aber bitte nicht ohne Erlaubnis. Kontaktieren Sie mich gerne für Nutzungsrechte!