Das Geheimnis des wahnwitzigen Weitwinkel-Bokehs: Auf Bokehjagd im Salzburger Zwergerlgarten
Der Salzburger Zwergerlgarten ist ein historisches Kuriosum mit einer wechselvollen Geschichte. Erbaut im Auftrag von Graf von Thun und Hohnstein und gestaltet vom berühmten Barockarchitekten Fischer von Erlach, war der Garten für seine Zeit revolutionär: Er stellte das körperlich „Unperfekte“ (in Form von grotesken Zwergenstatuen) auf Augenhöhe mit den Betrachtern dar. Nach einer bewegten Geschichte – im Zuge der Aufklärung als moralisch verwerflich verramscht und im 20. Jahrhundert mühsam zu zwei Dritteln wieder rekonstruiert – stehen heute noch 17 dieser 300 Jahre alten Figuren auf der sogenannten Wasserbastei nahe ihrem Originalplatz.
Beim Umsetzen meiner Bildidee für diese geschichtsträchtigen Figuren stoße ich auf ein fotografisches Dilemma: Der historische Kontext ist wichtig, aber der Hintergrund darf nicht vom Motiv ablenken. Zeigt man die Umgebung knackig scharf, wirkt das Bild unruhig und der Zwerg verliert seine dominante Wirkung im Bild. Ich will also das Unmögliche: Einen weitwinkligen Bildlook, der Umgebung zeigt, gepaart mit einer extremen Hintergrundunschärfe (Bokeh), die die Figur plastisch freistellt.
Das physikalische Dilemma: 16mm vs. 100mm
Zuerst der Versuch mit einem typischen Weitwinkelobjektiv: Ein 16mm bei Offenblende f/2,8. Aus etwa einem Meter Entfernung fotografiert, zeigt das Bild zwar den Zwerg und die Umgebung – doch der Hintergrund bleibt trotz f/2,8 ernüchternd scharf.
Warum ist das so? Physikalisch gesehen wird Schärfe durch die Geometrie von Lichtkegeln definiert, die auf unseren Kamerasensor treffen. Weicht ein Punkt von der exakten Fokusebene ab, schneidet der Sensor den Lichtkegel ab, und es entsteht statt eines Punktes eine Kreisscheibe – der sogenannte Zerstreuungskreis.
- Ist der Lichtkegel sehr spitz (schlank), wächst der Zerstreuungskreis bei Abweichungen vom Fokus nur sehr langsam. Der Bereich, den wir als scharf wahrnehmen (die Schärfentiefe), ist groß.
- Ist der Kegel hingegen stumpf (breit), „explodiert“ der Zerstreuungskreis schon bei minimaler Abweichung. Die Schärfentiefe ist extrem gering, und der Hintergrund verschwimmt in weichem Bokeh.
Obwohl wir bei unserem Weitwinkel (16mm) und unserem Tele (100mm) dieselbe Blende von f/2,8 eingestellt haben, sehen ihre „Lichtkegel“ völlig unterschiedlich aus. Der Grund dafür ist die Eintrittspupille (das scheinbare Bild der Blende, wenn man von vorne durch das Objektiv blickt).
Die Größe dieser Eintrittspupille (EP) berechnet sich aus dem Verhältnis von Brennweite zu Blendenzahl:
Durchmesser der Eintrittspupille = Brennweite / Blendenzahl
- Für das 16mm f/2,8 ergibt sich eine wirksame Öffnung von gerade einmal 5,7 mm.
- Für das 100mm f/2,8 beträgt die wirksame Öffnung stolze 35,7 mm!
Diese Eintrittspupille bildet die physikalische Basis unseres Lichtkegels. Da das 100mm-Objektiv eine mehr als sechsmal größere Basis besitzt, ist sein Lichtkegel bei gleicher Distanz dramatisch stumpfer. Wenn wir auf das 100er wechseln, wird der Hintergrund aus derselben Position augenblicklich in wunderschöne, riesige Bokeh-Kreise aufgelöst!
Die Rettung: Das Bokeh-Panorama (Die Brenizer-Methode)
Wir haben nun folgendes Problem:
- Mit dem 16mm haben wir den gewünschten weiten Bildausschnitt, aber keine Hintergrundunschärfe.
- Mit dem 100mm haben wir das traumhafte Bokeh, aber einen viel zu engen Bildausschnitt, bei dem die Umgebung völlig verloren geht.
Hier kommt die Brenizer-Methode (auch bekannt als Bokehrama oder Bokeh-Panorama) ins Spiel, benannt nach dem New Yorker Hochzeitsfotografen Ryan Brenizer.
Die Idee ist genial einfach: Wir nutzen das Teleobjektiv wie einen Mosaik-Scanner.
- Wir positionieren uns in etwa einem Meter Entfernung zum Zwerg.
- Wir stellen Kamera und Fokus auf manuell ein (damit Belichtung und Schärfe über alle Aufnahmen hinweg absolut konsistent bleiben).
- Wir fokussieren präzise auf das Auge des Zwergs.
- Nun machen wir nicht nur ein Foto, sondern scannen die gesamte Szene in vielen sich überlappenden Einzelaufnahmen ab (am besten schneckenförmig von der Mitte nach außen).
- Am Computer fügen wir diese Einzelbilder mittels einer Stitching-Software nahtlos zusammen.
Das fabelhafte Ergebnis
Das resultierende zusammengesetzte Bild vereint das Beste aus beiden Welten: Es zeigt den weiten Bildwinkel des 16mm-Weitwinkels, besitzt aber die hauchdünne Schärfentiefe und das butterweiche Bokeh des 100mm-Teleobjektivs.
Ein solches Bild mit echtem Weitwinkel aufzunehmen, ist physikalisch unmöglich: Das stitched Bild entspricht der Abbildung eines virtuellen 16mm-Objektivs mit einer Lichtstärke von ca. f/0,6! Ein solches Objektiv existiert in der realen Welt schlichtweg nicht.
Durch diesen physikalischen „Hack“ steht der Zwerg plastisch und scharf im Fokus, während der Hintergrund in einer malerischen Unschärfe verschwindet, ohne das Bild mit unruhigen Details zu überladen.
Du willst sehen, wie das in der Praxis aussieht?
Wenn du den Zwergerlgarten selbst einmal im Video erleben, die genaue Aufnahmetechnik in Aktion sehen und den direkten Vorher-Nachher-Vergleich dieses optischen Phänomens mit eigenen Augen bewundern willst, dann schau dir unbedingt mein Youtube-Video an: