Ein Baum im Fokus: Ein fotografisches Experiment mit einer alten Linde
Jedes Mal, wenn ich auf der Landstraße von Neumarkt Richtung Salzburg unterwegs bin, zieht ein ganz besonderer Baum meine Aufmerksamkeit auf sich: eine alte Linde. Man fragt sich unweigerlich, wie viele Jahre dieser markante Baum, ein Wahrzeichen der Gegend, wohl schon hier steht – vielleicht sogar über 200 Jahre? Längst hatte ich mir vorgenommen, diese beeindruckende Solitär-Linde einmal bewusst zu fotografieren, abseits der schnellen Schnappschüsse mit dem Handy während der Fahrt. Kürzlich habe ich mir endlich die Zeit dafür genommen.
Ohne Laub, aber voller Charakter
Allerdings hatte ich nicht ganz bedacht, dass es noch früh im Jahr ist und der Baum noch sein winterliches Kleid ohne Blätter trägt. So präsentierte er sich doch anders als in meiner Vorstellung. Doch das hielt mich nicht davon ab, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Im Hinblick auf mein neu erworbenes 35-mm-Objektiv von PearGear, das ja bekanntlich nicht für seine perfekte Abbildung bekannt ist, wählte ich dafür einen etwas anderen Ansatz als üblich.
Der Baum als Motiv für kreative Techniken
Bisher legte ich stets Wert auf technisch einwandfreie, scharfe Fotos, oft mithilfe von Focus Peaking, etc. Doch in letzter Zeit verspüre ich den Wunsch, bewusst das Gegenteil zu erproben: Fotos mit Unschärfen und Überlagerungen, die ich auch in der Nachbearbeitung gezielt einsetze. Die kreative Bildbearbeitung, die über das reine Optimieren hinausgeht, hat mein Interesse geweckt.
Dieser einsam in der Landschaft stehende Baum schien mir das ideale Motiv für einige dieser neuen Techniken zu sein. Also näherte ich mich der Linde, die auch ohne Laub ihren Reiz hat, um sie genauer in Augenschein zu nehmen. Auf dem Kameradisplay wirkte das Motiv bereits interessant, auch wenn die Natur selbst natürlich immer eindrucksvoller ist. Gerade das Fehlen der Blätter und die sichtbaren feinen Verästelungen wollte ich mir zunutze machen, um das Bild fast wie gemalt wirken zu lassen.
Mein Plan war es, mehrere Fotos des Baumes aus verschiedenen Entfernungen und mit unterschiedlichen Brennweiten aufzunehmen und diese später zu überlagern. Dazu nutzte ich den Weg, der von dem Baum wegführt. Zum Einsatz kamen meine beiden Zoomobjektive: das 70-200 mm und das 24-105 mm. Es war mir wichtig, dass der Baum auf jedem einzelnen Bild gleich groß und zentral positioniert ist – eine Kompositionsregel, die eher selten verwendet wird, aber hier bewusst als Stilmittel eingesetzt wurde, um den Baum besonders in den Fokus zu rücken.
Schritt für Schritt zum Ziel
Entlang des Weges entstanden so mehrere Aufnahmen. Die Abstände zwischen den einzelnen Standpunkten waren anfangs geringer und wurden mit zunehmender Entfernung größer. Warum das so ist, bleibt als kleine Denkaufgabe für die Leser offen.
Nachdem das Stativ aufgebaut war, um ruhigere Aufnahmen zu gewährleisten, begann die Fotoserie. Die erste Aufnahme entstand aus relativer Nähe mit dem 24-105 mm Objektiv bei 24 mm Brennweite. Die Kameraeinstellungen waren bewusst einfach gehalten: ISO 100, Blende 8 für optimale Schärfe des Objektivs und eine automatische Belichtungszeit, da sich nichts im Bild bewegte. Eine leichte positive Belichtungskorrektur wurde vorgenommen, da die Automatik bei einem hellen Himmel dazu neigt, das Bild zu unterbelichten. Der Fokus wurde manuell auf einen Ast des Baumes gesetzt, und der 2-Sekunden-Timer kam alleine schon aus Gewohnheit zum Einsatz. Die Auslösung erfolgte per Touchscreen, um Erschütterungen zu minimieren.
Der kreative Bearbeitungsprozess
Zurück am Schreibtisch wurden die insgesamt 21 Fotos in Lightroom importiert und grob in Bezug auf Belichtung, Kontrast und Farbtemperatur angepasst. Anschließend wurden alle Bilder in Photoshop als einzelne Ebenen geöffnet.
In Photoshop galt es zunächst, das „schönste“ Bild als unterste Ebene zu definieren. Die darüberliegenden Ebenen wurden dann mit stark reduzierter Deckkraft über dieses Basisbild gelegt, um einen ersten Überlagerungseffekt zu erzielen. Durch das gezielte Ein- und Ausblenden einzelner Ebenen und das Verschieben und Verzerren von nicht exakt übereinstimmenden Bildbereichen wurde die Überlagerung optimiert.
Für einen weiteren kreativen Schritt wurde zunächst der Baum mithilfe der generativen Füllmethode aus einer duplizierten Ebene entfernt. Auf diese „baumlose“ Ebene wurde anschließend ein Bewegungsunschärfe-Filter angewendet, um den Hintergrund bewusst abstrakt und dynamisch wirken zu lassen. Die ursprüngliche Baum-Ebene wurde dann mit einer schwarzen Maske versehen, und der Baum wurde mit einem weißen Pinsel vorsichtig wieder in das Bild hineingemalt, sodass er scharf vor dem verwischten Hintergrund zur Geltung kam.
Das Endergebnis: Fotografie als Kunst
Abschließend wurden alle Ebenen auf eine gemeinsame Ebene reduziert und im Camera-Raw-Filter feinjustiert. Dabei wurden Belichtung, Kontrast und Dynamik angepasst, und die Sättigung wurde leicht reduziert, wobei die für mich etwas störenden Rottöne bewusst etwas abgeschwächt wurden. Auch der Farbton des Grüns wurde leicht ins Gelbliche verschoben.
Das Ergebnis ist ein Bild des Baumes, das kaum noch als reine Fotografie bezeichnet werden kann, sondern eher als digitale Kunst zu bezeichnen ist. Es war ein spannendes Experiment, das gezeigt hat, wie man durch bewusste Unschärfe und Überlagerung zu interessanten Ergebnissen kommen kann. Nun bleibt die Hoffnung auf besseres Wetter mit einigen Wolken im Hintergrund, um das Projekt vielleicht noch einmal mit veränderten Bedingungen anzugehen.
Verantwortung in der digitale Kunst
Dieser kreative Prozess, bei dem Fotografie und digitale Bearbeitung miteinander verschmelzen, hat mir einmal mehr gezeigt, wie viel Raum für künstlerische Freiheit und Experimentierfreude in der modernen Fotografie steckt. Es ist spannend zu erleben, wie die digitale Technik nicht nur das Handwerk unterstützt, sondern auch neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet, die vorher undenkbar waren. Für mich ist die digitale Bildbearbeitung mehr als nur ein Werkzeug – sie ist eine kreative Erweiterung des Fotografierens, die es mir erlaubt, meine Visionen und Ideen auf eine Weise umzusetzen, die ohne sie nicht möglich wäre. Letztlich liegt es im Erschaffen von Kunst, ob auf der Leinwand, in der Fotografie oder in der digitalen Welt, immer im Auge des Betrachters, was als authentisch und wertvoll angesehen wird. Die digitale Kunst hat ihren Platz, und auch wenn sie die Traditionen der Fotografie herausfordert, bereichert sie diese auf eine faszinierende Weise.
Natürlich ist es wichtig zu betonen, dass die digitalen Möglichkeiten nicht dazu missbraucht werden sollten, die Realität zu verzerren oder zu manipulieren, um falsche Eindrücke zu erwecken. Besonders in Bereichen wie dem Fotojournalismus oder der dokumentarischen Fotografie, in denen Authentizität und Wahrheit von größter Bedeutung sind, muss der Einsatz von Bildbearbeitung immer verantwortungsbewusst und transparent erfolgen. Kreative Freiheit sollte nicht dazu genutzt werden, um der Wahrheit zu schaden oder unethische Ziele zu verfolgen. Die Kunst bleibt ein Raum für kreative Entfaltung, doch diese Entfaltung muss immer im Einklang mit der Verantwortung stehen, die mit der Macht der digitalen Manipulation einhergeht.